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Letzte Änderung:

06.01.2013

Texte

 

Über den Glauben

von Rolf Grigat

 

1.

Ich glaube, dass du glauben kannst. Glauben ist eine der menschlichen Seele innewohnende Fähigkeit. Ich glaube, dass wir in einem geistigen Sinne erst Mensch werden, wenn wir zu glauben beginnen. Glauben ist die Herausforderung an den einzelnen Menschen, Mut zum Leben zu haben. Glauben ist die Herausforderung an das menschliche Herz, auch angesichts des gewissen Todes vom Sinn des Lebens überzeugt zu sein. Glauben ist ein Bewusstsein der Verantwortung für das Leben, zuerst für das eigene Leben; dann schrittweise für das Leben überhaupt. Glauben ist ein stufenweise in die Höhe und in die Tiefe wachsendes Bewusstsein, was das überhaupt ist: leben und Leben. Glauben ist ein Reifwerden der Seele des einzelnen Menschen, der Menschengruppe, die wir Gemeinschaft nennen, und letztlich der ganzen Menschheit. Glauben ist ein geistiges Erwachen zur Liebe. Glauben ist der Boden, auf dem die Liebe erwächst. Je stärker der Glaube, umso stärker auch die Liebe. So wie der Glaube die Liebe wachsen lässt und auch erwachsen werden lässt, so lebt der Glaube auch von der Liebe: sie und allein sie verleiht dem Glauben ein menschliches Angesicht. Glauben ist die gegen alle Widerstände und gegen alle verführerischen Versuchungen durchgehaltene Treue zum menschlichen Geschlecht. Glauben beweist sich in der durchgehaltenen Treue zu einem konkreten und wirklichen Menschen. Glauben steht auf der Probe und hat seine Wirklichkeit und seine Wirksamkeit darin zu erweisen, dass er die Erscheinung eines konkreten anderen Menschen als lebendige Wirklichkeit wahrnimmt und als gültige und endgültige Wahrheit annimmt. Glauben ist ein inneres Wachsen, das über sich selbst hinaus führt. Glauben ist ein Ankommen beim Anderen und ein Weitergehen durch den Anderen hindurch in das innere Bewusstsein, dass es dich selbst und den Anderen wirklich gibt. Glauben ist die erwachende und dann wachsende Gewissheit, dass die Wirklichkeit, die du erfährst, Gott ist. Glauben ist die unzerstörbare Gewissheit, dass Gott ist. “Ich glaube Gott” oder “ich glaube an Gott” ist der Inbegriff allen Glaubens. “Ich glaube an dich” ist die Bewährung allen Glaubens. Ich glaube gleichzeitig an die alles umfassende Wirklichkeit Gottes und an dich, den ich wahrnehme und an mich, der ich glauben kann

Das ist mein Glaubensbekenntnis. Ich glaube, dass wir uns in der Liebe erfüllen. Und wenn in meinem Bewusstsein der Glaube und die Liebe in einem göttlich-schöpferischen Sinne Vater und Mutter sind, so bringen sie aus sich heraus als ihr Kind das Hoffen hervor. Eine lebendige menschliche Seele kann glauben und will glauben; kann lieben, und will lieben; und kann hoffen, kann auf Leben hoffen, und will das auch.

2.

Ich glaube an Gott. Das ist meine Seinsgewissheit und mein Lebensengagement. Wie geht es von hier aus weiter? Ich stoße auf einen Menschen, der fordert mich heraus, indem er mich auffordert: “Glaubt an Gott und glaubt an mich!” (Johannes 14,1). Das ist Jesus. Ich lese von ihm und ich höre von ihm durch andere Menschen. Wenn ich Jesus an mich herankommen lasse, höre ich zweierlei. Einmal sagt er: Wenn du meine Worte hörst, dann hörst du Gott zu dir sprechen. Und zum anderen sagt er: Wage es und nimm Gott durch mich ganz in das Menschliche hinein. Durch Jesus fühle ich mich also aufgefordert, über ihn zu Gott in eine unmittelbare Beziehung zu treten und ihn mit liebendem Herzen als den Anderen vor mir wahrzunehmen und nicht länger als das Andere von mir auszuschließen.

Jesus macht sich, sobald ich ihm Glauben schenke, in mir bemerkbar. Jesus macht mich gleicherweise mit Gott und mit dem anderen Menschen, mit dir, vertraut. Das wird mir bewusst. Dadurch stehe ich nun aber auch bewusst vor der Frage: Will ich diesem Jesus, der als Gottes Wort vor mir erscheint, glauben? Ich merke, es ist dieselbe Frage wie: Will ich diesen Jesus lieben? Mein Seinsinstinkt, alles in mir sagt: Ja, Rolf, schenk ihm deinen Glauben; schenk ihm deine Liebe; schenk dich selbst ihm. Und indem ich das tue, öffnet sich das Leben vor mir noch einmal neu und groß und überaus lebendig.

3.

Das erste, was sich durch die Öffnung für Jesus und durch meine Hingabe an ihn für mich wahrnehmbar verändert, ist eine wachsende Farbigkeit des Alltagslebens und eine wachsende Freudigkeit an diesem Leben. Das zweite ist die Erfahrung, auch in schweren und nahezu hoffnungslosen Lebenssituationen den Lebensmut nicht zu verlieren und sicher zu sein, dass sich ein Ausweg aus der Not und ein Weg zum Weiterleben zeigt. Diese Grunderfahrungen führen dann früher oder später zu einer Glaubensherausforderung, die, wie mir scheint, nicht mehr zu überbieten ist. Wer sich auf Jesus einlässt, steht irgendwann einmal, vielleicht plötzlich, dann aber immer wieder vor einer Frage wie vor einer Steilwand. Jesus sagt und fragt: “Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. – Glaubst du das?” (Johannes 11,25).

Glaubst du das? Es ist nicht so schwer, mit Worten einfach “Ja” zu antworten. Aber “Ja” zu leben, das ist etwas ganz anderes. Dein Glaube an mich, der dein Glaube an Gott ist, macht dich unsterblich, sagt Jesus. Kannst du das glauben? Kannst du erkennen und annehmen, dass du durch deinen Glauben an Jesus in seiner Gemeinschaft mit Gott aufgenommen bist. Kannst du das wollen? Kannst du das zulassen? Kannst du dein Leben ab jetzt so führen, dass es von dieser Glaubenswirklichkeit, von dieser Glaubenswahrheit bestimmt ist? Wenn du “Ja” sagst und mit der ganzen Kraft deines Herzens und deiner Seele versuchst, dir selbst und Jesus treu zu sein, glaube ich, dir ein Versprechen machen zu können, nämlich: du wirst Wunder erleben; du wirst dieses Leben als ein Wunder erleben; du wirst auf wunderbare Weise Gott sehen, am deutlichsten, am ergreifendsten, am erschütterndsten im Angesicht des Menschen vor dir.

4.

Es ist nicht ungefährlich, dahin gelangt zu sein, wo wir jetzt angekommen sind. Es steht uns zwar frei, ob wir Jesus als die Glaubenswahrheit annehmen – aber vor ihm zu stehen und an ihm vorbeizugehen hat gewichtige Folgen. Über diese Menschen, die ihn sehen und ihn bewusst ablehnen, sagt Jesus: “Es ist Sünde, dass sie nicht an mich glauben” (Johannes 16,9). Sünde ist: Abgetrennt-Sein von Gott – und zwar eine Abgetrenntheit, die der Abgetrennte, der Sünder, selbst zu verantworten hat. Ich sehe das so: Jesus ist eine gottgewollte Bewusstseinsheraus­­forderung, die der Herausgeforderte nicht einfach übergehen kann; an der er nicht vorbeigehen kann, so wie es ihm passt. Ja, ich glaube, dass Gott selbst uns in Jesus entgegentritt und unmissverständlich fragt: Bin ich Gott für dich? Bin ich als dein Gott ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Idee von dir, oder deine lebendige Wirklichkeit? Bin ich dir wirklicher und wichtiger als du dir selbst bist? Oder verschwinde ich in dir?

Die Frage, die der Glaube an Jesus in mir aufwirft, ist die: Bin ich bereit, mich selbst und meine Selbstsicherheit zu verlassen und mich ganz auf Jesus einzulassen? Diese Frage ist keine theoretische Frage, sondern eine unmittelbare und praktische. Diese Frage stellt mich vor dich. Bin ich bereit, dich, die Wirklichkeit, die du bist und die Wirklichkeit, dass du bist als meine wesentliche Wirklichkeit anzunehmen? Bin ich bereit, mich für dich zu öffnen, dich bei mir einzulassen und auch vor dir anzukommen, vor deiner Tür, ohne ein Recht anzumelden, dass du mir aufmachen musst? Mich auf Jesus einzulassen, heißt, mich auf dich einzulassen. Mich auf dich einzulassen heißt, mich auf die Liebe einzulassen. Ich muss dir gestehen, dass ich Angst davor habe. Die Liebe ängstigt mich. Nicht ihre freudigen, lebenserweiternden Seiten, sondern ihre Vernichtungskraft; die Gewalt der Liebe, mich, mein Ich, wie ein Nichts wegzufegen. Ich weiß, dass die Liebe recht hat; aber ich habe Angst davor.

5.

Jesus tritt dem Menschen in seiner Lebensangst, in seiner Liebesangst entgegen; nicht tröstend, nicht begütigend, sondern mit der klaren und klärenden Frage: “Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?” (Markus 4,40). Ja, gewiss, es ist unser Glaube, durch Jesus hindurch an Gott, der unsere Lebensangst zum Schweigen bringt. Mehr oder weniger geduldig weist Jesus die Menschen seiner Umgebung, und damit uns, auf unsere “Kleingläubigkeit” hin. Die Kleingläubigkeit ist ja nicht ungefährlich, ist ja nicht einfach nur etwas für Bescheidene und für solche, denen auch schon ein kleinwenig Glauben genügt. Glauben kann sterben. Das ist die Gefahr. Der Kleingläubige kann seinen Glauben wieder verlieren. Ein Mensch kann sich wieder von Gott abkehren und zu sich selbst zurückkehren. Deshalb liegt in der Kleingläubigkeit ernsthafte Lebensgefahr. Denn stirbt der Glaube, so stirbt auch der Mensch. Damit ist das geistige Sterben gemeint. So wie der Mensch geistig geboren werden kann – und vor Gott auch geistig geboren werden muss – so kann er auch geistig sterben. Dieses Sterben geschieht, wenn ein Mensch seinen Glauben verliert. Er verliert ihn aber nur, wenn er ihn von sich aus loslässt.

Unser Glaube kann schwinden oder er kann wachsen. Wie alles Lebendige in unserem Leben: es wächst, indem es eingesetzt wird. Unser Glaube wächst, wenn wir mit unserem Glauben leben. Die Bibel nennt das “ ... den Weg des Glaubens gehen” (Römer 4,12). Auf unsere Lebenssituation bezogen können wir diesen Glaubensweg mit den Worten des Paulus so verstehen: “Wenn du mit deinem Mund bekennst: Jesus ist der Herr, und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden” (Römer 10,10). Diese Rettung des Menschen verstehe ich so: die Verbindung mit Gott, die Gewissheit der Geborgenheit in Gott, reißt nicht ab, auch vor dem unmittelbar drohenden Tod gegenüber nicht.

Um diesen unerschütterlichen Glauben an Gott durch Jesus einzuüben und diesen Glauben in uns und zwischen uns wachsen zu lassen, leben wir in einer geistigen Gemeinschaft. 

 

 Dieser Text entstammt der wöchentlichen „Geistigen Unterweisung“ in der Stiftung Aham.

 

 

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